„Die drei deutschen Atomkraftwerke werden gebraucht“ | Meinungsbeitrag in der Sindelfinger Zeitung/ Böblinger Zeitung
Die drei deutschen Atomkraftwerke werden gebraucht
Die derzeitige Krise fordert viel. Von uns allen. Bäckereien wissen nicht mehr, wie sie die weiter ansteigenden Energiekosten bezahlen sollen, ohne, dass ihnen ihre Kunden verloren gehen. Familien fragen sich, ob das Ersparte, das eigentlich für den nächsten Urlaub gedacht war, ausreicht die laufenden Kosten zu decken. Und auch die Politik sieht sich mit schwierigen Entscheidungen konfrontiert. Ich kann gut verstehen, dass die Entscheidung über den temporären Weiterbetrieb von AKWs einem grünen Wirtschaftsminister nicht leicht fällt – sie ist allerdings notwendig.
Es darf nicht um ideologische Denkverbote gehen. Dafür ist die Situation zu ernst. Der „Stresstest“ des Wirtschaftsministeriums bestätigt, was viele Fachleute sagen: Die drei noch verbleibenden AKWs zum 31.12.2022 vom Netz zu nehmen, würde die Strompreise weiter in die Höhe treiben und die Versorgungssicherheit gefährden. Es geht nicht um einen Wiedereinstieg in die Atomkraft, sondern um einen befristeten Weiterbetrieb, um gut durch die schwerste Energiekrise seit Bestehen der Bundesrepublik zu kommen.
Der Vorschlag des Wirtschaftsministers, zwei der drei AKWs in eine „Notreserve“ abzuschalten, ist der schlechtmöglichste Weg für den Winter, denn er ist teuer und wirkungslos. AKWs sollen kurzfristig Spitzen abfedern können, die durch andere Stromquellen nicht abgedeckt werden können. Das können sie allerdings nicht leisten, wenn sie zuerst mehrere Tage „hochgefahren“ werden müssen. Die „Notreserve“ hilft also gerade nicht in der Not.
Statt also zwei AKWs auf „Reserve“ zu halten und ein weiteres komplett abzuschalten – eigenartigerweise ausgerechnet in Niedersachsen, wo sich die Grünen derzeit im Landtagswahlkampf befinden – sollte die Ampel-Bundesregierung schnellstmöglich den Betrieb aller drei AKWs verlängern.
Dieser Meinungsbeitrag erschien im Rahmen der Reihe „Pro und Contra“ in der Sindelfinger Zeitung/ Böblinger Zeitung (SZ/BZ). Den Contra-Beitrag schrieb Tobias B. Bacherle MdB (B’90/Die Grünen).
